Zwischen Zuversicht und Zukunftssorgen – Charlotte Wilde vom Figurentheater „Wilde & Vogel“ im Interview

Fast überall in Deutschland sind die Theaterbühnen zur Zeit genauso leer, wie die Zuschauerräume. Aufgrund der vielen Verordnungen, die die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen sollen, mussten die Theater, genau wie viele andere öffentliche Einrichtungen, den Publikumsbetrieb einstellen. Der „Westflügel“, ein internationales Produktionszentrum für Figurentheater in Leipzig, hat allerdings einen Weg gefunden, dass zumindest die Theaterbühne nicht mehr leer bleiben muss. Per Live-Stream wurde am 21.03. das Stück „Krabat“ online übertragen und auch zukünftig soll es weitere Streams geben.  Charlotte Wilde gehört zum Ensemble „Wilde & Vogel“, zu deren Repertoire das Stück „Krabat“ gehört. In einem Telefoninterview hat sie darüber gesprochen, wie es sich vor einem leeren Zuschauerraum spielt und was die Menschen am Theater zur Zeit besonders beschäftigt.    

Frau Wilde, die meisten Theater in Sachsen haben momentan komplett geschlossen und ihre Vorstellungen abgesagt. Was war ihre Intention zu sagen: Wir nicht. Wir versuchen zumindest einige Aufführungen live zu übertragen?

Charlotte Wilde (Wilde): Wir hatten ein bisschen Glück. Eine unserer Mitarbeiterinnen hat Kontakte zu dem Leipziger Streaming-Anbieter „Streamio“. Die haben uns dann angeboten ein Projekt, was uns wichtig ist, unentgeltlich zu übertragen. Wir selbst haben einfach nicht das Equipment und die technischen Möglichkeiten um so eine Live-Übertragung selbst durchzuführen. Natürlich ist das aber keine dauerhafte Lösung. Schließlich ist „Streamio“ ebenfalls auf Einnahmen angewiesen und kann nicht unbegrenzt kostenlos für uns arbeiten.

Das Schauspiel Leipzig veröffentlicht zwei Mal pro Woche einfach ältere Aufzeichnungen von bisherigen Inszenierungen. Wäre das für sie denn eine Alternative, wenn die Zusammenarbeit mit „Streamio“ irgendwann nicht mehr möglich ist?

Wilde: Wir besitzen zwar solche Aufzeichnungen, aber die wollen wir eigentlich nicht einfach online stellen. Dann wären wir selbst ja gar nicht mehr richtig beteiligt. Das wollten wir nicht. Es hat uns selbst ein bisschen überrascht – aber das Spielen an sich fehlt uns schon sehr! Man plant und probt so ein Stück sehr lange und wenn man es dann nicht zeigen kann, ist das wirklich schade. Insofern war es uns ein starkes Bedürfnis trotz allem aktiv etwas zu machen!

Da ist so ein Live – Stream natürlich eine tolle Variante!

Wilde: Ganz genau!

Im Gegensatz zum Film lebt das Theater ja eigentlich von den unmittelbaren Reaktionen des Publikums. Bei der Live-Übertragung ist es natürlich nicht dazu gekommen. Wie hat es sich für sie angefühlt, dass keine Zuschauer präsent waren?

Wilde: Auf der einen Seite ist das natürlich absurd und unangenehm. Auf der anderen Seite habe wir im Vorfeld von Vielen gehört, dass sie den Stream gucken wollen. Deshalb hatte ich nicht das Gefühl in einen leeren Raum hinein zu spielen – ich wusste, irgendwo da draußen sitzen ja die Menschen und sehen mir zu. Wir sitzen schließlich alle im selben Boot. Das klassische Ausgehen ist zur Zeit für niemanden möglich. Deshalb blieb am Ende schon ein klares Gefühl, für wen man in dem Moment spielt.

Das heißt, ihnen ist trotz allem die Bühnenspannung nicht abhandengekommen? Oder musste man aufpassen sich am Ende nicht wie bei einer Probe, statt bei einer Vorstellung zu fühlen?

Wilde: Bei unserer Vorstellung tatsächlich nicht! Das hat aber nochmal einen ganz speziellen Grund. Das Stück „Krabat“ spielen wir im Normalfall zu fünft. Zwei der Spieler kommen allerdings aus Polen. Durch die verschärften Maßnahmen im Kampf gegen das Virus war es den Beiden leider nicht möglich zu kommen. Als wir davon erfahren haben, wollten wir allerdings trotzdem, dass die Live-Übertragung stattfindet. Also haben wir eine Version entwickelt, die sich zu dritt umsetzen lässt. Da wir seit zehn Jahren das Stück immer zu fünft aufgeführt haben, war die Anspannung und die Aufregung am Abend des Live-Streams natürlich zusätzlich groß. Wir haben teilweise Texte der polnischen Kollegen übernommen, für die wir sonst nicht verantwortlich sind. Da wollte selbstverständlich niemand versehentlich etwas vergessen! Es war also wie eine eigene kleine Premiere – und damit weit weg von einer Probe. (lacht)

Absolut nachvollziehbar! Welches Feedback haben sie denn bisher für das Live-Streaming erhalten?

Wilde: Die Zuschauer waren vor allem von den neuen Möglichkeiten begeistert, die der Einsatz der Technik geschaffen hat. Perspektivwechsel zum Beispiel. Normalerweise sitzt man auf seinem Stuhl und betrachtet das Ganze aus ein und der selben Perspektive. Durch die mobilen Kameras war es nun möglich näher heranzuzoomen oder Dinge von oben, von hinten und von innen zu zeigen. Das war durchaus eine künstlerische Bereicherung.  

Dazu kommt auch ein sehr positives Feedback von Kollegen. Für viele – und nicht zuletzt für uns selbst – war es ein ermutigendes Gefühl, dass wir eine Möglichkeit gefunden haben auch unter den aktuellen Bedingungen zu spielen. Trotzdem steht das alles für mich unter dem unangenehmen Vorbehalt „Wie lange ist das denn noch so“? Für den Moment sieht alles soweit gut aus, aber keiner weiß, wann wir zur Normalität zurückkehren und wieder richtig vor Publikum spielen können.

Was ist denn ihre größte Angst, wenn sie in die Zukunft blicken?

Wilde: Zum einen sind das natürlich die finanziellen Sorgen. Uns fehlen als „Westflügel“ massiv die Eintrittseinnahmen. Deshalb gab es von unserer Seite aus schon früh die Initiative zu sagen, bitte behaltet eure Eintrittskarten. Bitte tauscht sie nicht um, auch wenn die Vorstellungen nicht stattfinden können. Der Westflügel bekommt von der Stadt Leipzig auch eine institutionelle Förderung. Deshalb ist die Lage aktuell auch noch nicht so prekär. Die Frage ist wirklich: Wie lange bleibt die Situation noch so? Wir machen mit Wilde & Vogel beispielsweise viele Gastspiele, die jetzt nicht stattfinden können. Diese Gastspiele werden bezahlt, so ein Live-Stream, wie wir ihn gemacht haben, nicht. Auf Dauer ist das also leider auch keine Lösung.

Zum anderen wollen wir in der Zeit, in der wir nicht spielen können auch die Aufmerksamkeit der Menschen nicht verlieren. Wir hoffen, dass wir unsere Reichweite bis zu dem Moment aufrechterhalten können, in dem wir wieder aufmachen und vor Publikum spielen können. Das war übrigens noch ein Grund für den Live-Stream. Wenn wir jetzt einfach abtauchen und gar nichts mehr machen, fühlt sich das irgendwie nicht sinnvoll an.

Zum Abschluss: Was wäre also ihre persönlich Botschaft – ihr persönlicher Wunsch an die Zukunft?

Wilde: Ich wünschte es gäbe mehr Planungssicherheit. Ich verstehe zwar, dass das nicht so einfach ist, aber für uns ist die Planung der zukünftigen Termine extrem wichtig. Spiele ich am 23.04. oder nicht? Können Kollegen aus dem Ausland anreisen, oder nicht? Müssen für diese Kollegen Zugtickets besorgt werden, oder eben nicht? Es wäre schön, wenn es in Zukunft etwas mehr Klarheit gäbe.

Das würde wahrscheinlich uns allen sehr weiter helfen! Ich wünsche ihnen alles Gute und vielen Dank.

Das Interview führte Laura Prüfer, Autorin bei corona-news-deutschland.de

Von Laura Prüfer

Laura Prüfer ist Journalismus Studentin der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie hat sich gemeinsam mit den anderen Autoren dieser Website eine seriöse, gründliche und lebensnahe Berichterstattung zur aktuellen Corona-Lage in Deutschland auf die Fahnen geschrieben. Abgesehen von diesem Projekt hängt ihr Herz sehr an Kulturveranstaltungen, insbesondere dem Theater, sowie dem Reisen mit all seinen neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.

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