#WorkWineBalance – Die Winzer auf neuen Wegen

Die Weinbranche kämpft weiterhin um ihre Einnahmen. Foto: Sardovino

Die Weinbranche ist mit neuen Ideen unterwegs. Auch sie sind von der Corona-Krise betroffen und versuchen neue Möglichkeiten zu finden.

Sylvia Häfner-Hutt, 38 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern ist zweimalige Baden-Württembergische Winzerin des Jahres, Kellermeisterin und Chefin des Weinguts Häfner im Remstal. Ihr Weingut gehört, mit knapp vier Hektar und 16 verschiedenen Rebsorten, zu den Kleinsten im Remstal. Sie bewirtschaftet vier verschiedene Lagen, mit jeweils unterschiedlichen Traubensorten und macht die komplette Lese von Hand. Das Besondere ist, dass nicht alle Trauben einer Sorte zusammen genommen werden, sondern jeder Weinberg einen Wein darstellt. „Das ist aufwendiger und die Mengen, die dabei herauskommen, sind vergleichsweise klein, ungefähr 200 bis 300 Flaschen. Wenn ich von einer großen Menge rede, dann sind es 1.500 bis 2.000 Flaschen. Im Durchschnitt produzieren wir 21.000 Flaschen. Unsere Weine sind alle Qualitätsweine. Außerdem stellen wir gerade auf EU Bio um.“

Sylvia Häfner-Hutt studierte Weinbetriebswirtschaft in Heilbronn und absolvierte mehrere Praktika, bevor sie nach dem Studium in der Kellerei Kern arbeitete. Außerdem war sie als Verkosterin bei der Berliner Wein Trophy tätig. 2010 wechselte sie dann zum Weingut ihres Vaters, der es zuvor im Nebenerwerb leitete. 2014 übernahm sie das Gut vollständig und baute es im Jahr darauf um. Sie selbst sieht den Vorteil in einem kleinen Weingut darin, dass sie es auch als Mutter gut führen kann, während ihr Mann einen anderen Beruf ausübt. Da ihre Kinder momentan zuhause sind, muss auch sie ihre Arbeitszeiten anpassen. Meistens arbeitet sie nachts, parallel zur Kinderbetreuung oder wenn ihr Mann Zeit hat, sich um die Kinder zu kümmern. Sylvia gehört zu den Menschen, die auch in dieser schweren Zeit nicht einfach aufgeben wollen. Sie versucht sich anzupassen und neue Ideen zu entwickeln.

Sylvia Häfner-Hutt ist der Kopf des Weinguts Häfner. Foto: Weingut Häfner
Wie entsteht Wein?
Die Trauben werden meist im September und Oktober, wenn sie die beste Qualität haben in den Weinbergen geerntet und noch an den Reben sortiert. In der Kelter (=Presse A.d.R.) werden die Traubenbeeren meist von den Stielen getrennt und zerdrückt. Die zerdrückten Beeren nennt man „Traubenmaische“. Bei den Weißweinen füllt man die Maische meist sofort in eine Presse und quetscht die Beeren pneumatisch (mit Luftdruck) oder mechanisch zu Saft. Der weiße Traubensaft wird dann in gekühlten Tanks zu Jungwein vergoren. Rote Trauben werden alle in offenen Zubern gegart (Maischegärung). Auf dem Weingut Häfner wird die Maische mindestens 2-3 Mal am Tag mit einem Paddel gerührt, da die entstehende Kohlensäure die Beerenhäute nach oben treibt. Erst wenn die Rotweinmaische fast vergoren ist (ca. 5-14 Tage), wird sie ausgepresst und in Edelstahltanks zu Ende gegoren. Nach der Gärung und dem biologischen Säureabbau, beginnt die Lagerung im Barriquefass (Eiche 225l Fass) oder die Filtration als Vorbereitung zur Abfüllung.

Nicht nur fehlende Einnahmen sind eine Herausforderung

Aufgrund der Corona-Krise mussten alle geplanten Veranstaltungen abgesagt werden. Bis Ende August dürfen keine Großveranstaltungen stattfinden. Diese Regelung betrifft auch das Weingut, denn gerade jetzt in den wärmeren Monaten hätten viele Veranstaltungen, wie die Frühlingsweinprobe oder das Midsommerfest, stattgefunden.

Neben der Gastronomie als Abnehmer, gehören die Veranstaltungen und die eigene Besenwirtschaft zu wichtigen Einnahmequellen. „Wir sind dabei Auswege zu finden, aber für die Gastronomiegeschichte gibt es keinen Ausweg. Keine Events, Stadtfeste und Gastronomie, werden langfristig ein Problem.“, äußert die Kellermeisterin ihre Bedenken. Durch das Fehlen dieser großen Abnehmer ergibt sich ein weiteres Problem. „Durch den Wein, der jetzt nicht verkauft wird, fehlen nicht nur die Einnahmen. Die Natur produziert ja weiter. Wir MÜSSEN weiter produzieren, da wir jetzt schon Blätter an den Reben haben und der neue Jahrgang kommt. Wir müssen also weiterarbeiten und Geld reinstecken. Dazu kommt der Punkt, dass nächstes Jahr dann der alte Jahrgang noch im Lager ist, aber der Neue auch kommt. Dann gibt es Stau und die Preise gehen runter. Das Problem wird sich daher über einen längeren Zeitraum ziehen und nicht nur für kurze Zeit auftreten“ , erklärt sie.

Auch die Besenwirtschaft des Weinguts muss vorerst geschlossen bleiben. Foto: Weingut Häfner

Sylvia entwickelt nicht nur neue Ideen während der Corona-Zeit. Auch davor, hat sie sich gerne etwas „Ausgefalleneres“ einfallen lassen. Die daraus gewonnene Aufmerksamkeit konnte sie allerdings nie ganz verstehen. „Letzten Sommer haben wir angefangen Eiswürfel in Rotwein zu tun. Bei den Australiern und Amis ist das normal und hier kommt man in die Zeitung, wenn man das macht. Oder wir bieten Wein-Caipirinhas an, worauf die Reaktionen meist erstaunt sind“, erzählt sie.

Neue Wege und Ideen

Sylvia gehört zu denjenigen, die sich durch die Corona-Krise nicht unterkriegen lassen. „Es gibt Weingüter, die alles dicht gemacht haben, in einem Schockzustand sind und nicht wissen wie es weitergeht. Dann findet man aber auch welche wie wir, die sich etwas ausdenken und mit neuen Ideen kommen“, erzählt sie. Viele Weingüter hatten keinen Onlineshop, sondern nur den Laden bei sich auf dem Hof. Daher mussten sie, so Sylvia, innerhalb einer Woche einen solchen Onlineshop aus dem Boden stampfen. „Ich habe den Vorteil, dass ich den Onlineshop schon hatte.“ Als sie mit ihrer Familie aus dem Urlaub zurück kam, konnte sie innerhalb einer Nacht komplett auf Online, Lieferung, Versand und Abholung umstellen. „Das ist richtig toll, wie die Leute das annehmen“, schwärmt Sylvia.

Das Weingut Häfner versucht sich nicht unterkriegen zu lassen und zu überlegen, wie sie gegen die aktuellen Probleme ankämpfen können. Zusätzlich zur Gründung ihres Instagramaccounts haben sie eigene Hashtags entwickelt.

Wir sind #Kilometer58 am #Remstalradweg #WeingutHäfner #WeTakeCareOfYourWineWorkBalance

Diese Hashtags haben sie auf Postkarten gedruckt und bieten an, dass Kunden im Onlineshop einzelne Flaschen bestellen können, die dann mit einer solchen Postkarte als Dankeschön verschickt werden. „Die Resonanz ist echt super, wenn du dir etwas ausdenkst und etwas Neues machst. Da freuen sich die Leute richtig“, erzählt Sylvia. Auch für die Veranstaltungen, die abgesagt werden mussten, versucht sie neue Lösungen zu finden. „Da steckt so viel Geld drin und ich musste meine Bands auf nächstes Jahr vertrösten, was mir selber das Herz gebrochen hat. Ich versuche aber optimistisch zu bleiben.“

Bei der Frühlingsprobe, die sie absagen musste, werden normalerweise Weinproben ausgeschenkt und Häppchen verteilt. Auch dafür musste sich Sylvia eine Alternative einfallen lassen. Was sie allerdings am meisten getroffen hat ist, dass sie nicht wie sonst auf den Veranstaltungen Spenden für das Kinderhilfswerk „Plan International“ sammeln konnte, was ihr persönlich sehr am Herzen liegt. Pro Veranstaltung kamen stets rund 1.000 Euro zusammen. Den Verlust dieser Spenden wollte sie nicht auf sich beruhen lassen und überlegte sich eine kreative Lösung. „Wir haben das Ganze dann auf eine Onlineweinprobe umgemodelt. Wenn die Leute also das Weinproben-Paket bestellen, dann können sie sich auch für eine Spende entscheiden. Zum Paket gibt es Rezepte für die Häppchen, die man zuhause nachkochen konnte. Am Anfang dachte ich, das machen die nie, da sie das Geld ja selbst brauchen. Aber wir haben mit dieser Aktion über 800 Euro eingenommen!“, freut sie sich.

Wie es weitergeht, bleibt unklar

Neben den selbst produzierten Weinen, Veranstaltungen und der eigenen Besenwirtschaft, bietet das Weingut auch Weinwanderungen an. Im September stehen noch Weinwanderungen an, ob sie stattfinden können ist bislang noch ungewiss. Bei einer solchen Weinwanderung läuft man von Weinberg zu Weinberg und verkostet die unterschiedlichen Weine. Dabei steht oder sitzt man direkt zwischen den Trauben, aus denen der jeweilige Wein hergestellt wurde. Dazu wird erklärt, welches Essen besonders gut zu welchem Wein passt. „Wir mussten zum Teil Weinproben für Privatkunden absagen. Ich hoffe, dass es im Herbst weitergeht. Wir können nicht mal unsere Besenwirtschaft in den Herbst verschieben, da wir dann draußen sind und ernten. Das Blöde an der ganzen Sache ist, dass man keine Ahnung hat und nicht genau sagen kann, wie es im Sommer aussehen wird.“

Optimistisch bleibt man auch in Ludwigsburg

Die Weinhandlung Sardovino in Ludwigsburg hat ebenfalls mit der Corona-Krise zu kämpfen, doch auch sie versuchen an die ganze Sache positiv und kreativ heranzugehen.

Momentan ist Italien stark im Fokus, aufgrund der Betroffenheit in der Coronakrise. Bei Sardovino in Ludwigsburg dreht sich auch alles um Italien, aber hat nichts mit Corona zu tun. Gesellschafterin und Diplom Weinbetriebswirtin Carolin Corongiu hat uns mehr über Sardovino erzählt und wie sie von aktuellen Situation betroffen sind.

Die Winzerin ist zusätzlich Moderatorin, Beraterin, Dolmetscherin, Mentorin und Kreativkopf. Foto: Sardovino

Für Sardovino ist Italien eines der facettenreichsten Weinländer weltweit. Ihr Sortiment zeigt die große Vielfalt aus allen Regionen. Aus über 500 Positionen kann man dort Weine für jeden Anlass und für jeden Geschmack finden. Neben dem Weinhandel mit italienischen Weinen an Privatkunden und an Gastronomen, bieten sie auch Weinseminare an. „Dort wird Weinwissen in kleinen Gruppen vermittelt. Wir haben spezielle Veranstaltungsreihen mit verschiedenen Winzern, die zu uns kommen. Dazu gibt es eine kulinarische Begleitung.“, erklärt Corongiu. „Dabei stellt der Winzer seine Weine, im Rahmen eines großen Stammtisches, vor.“

Neben der Vorstellung dem Probieren der Weine gibt es auch eine kulinarische Begleitung. Foto: Sardovino

„Wir haben lange Tafeln, an denen alle nebeneinandersitzen. Der Winzer spricht Italienisch und wir übersetzen. Das Ganze ist eine lockere Veranstaltung, die aus Wissen, viel Spaß und sehr engem menschlichen Kontakt besteht, was so momentan einfach nicht stattfinden kann. Zu den Events zählen Weinseminare, „Winzer hautnah-Veranstaltungen“ und drei Mal im Jahr haben wir Veranstaltungen mit Künstlern, von Wortkabaretten, bis zu Bands, die zu uns kommen, während wir Kulinarik und Wein anbieten. Zum ersten Mal fallen diese Events komplett weg. Bis in den September haben wir alles storniert.“

Wie wichtig momentan ein Onlineshop ist, hat Sylvia Häfner-Hutt schon deutlich gemacht. „Was natürlich bleibt und deutlich verstärkt ist, ist der Onlinehandel“, sagt auch Carolin Corongiu. „Der hat sich gut entwickelt und wir bieten auch zusätzlich neue Leistungen an. Zum einen haben wir angefangen, dass wir im Raum Ludwigsburg ausfahren und Weine vor die Tür stellen und man kontaktlos mit Karte, Paypal oder Rechnung bezahlen kann. Wir haben das große Glück, dass wir zwar den Laden schließen mussten, aber als Weinhandlung dennoch die Möglichkeit einer Abholstation anbieten können.“ Neben Weinen, bieten sie auch eine Art „takeaway“ ihrer Küche an. „Uns ist wichtig, dass wir qualitativ gute Produkte anbieten können und bei Pasta ist das zum Beispiel schwer. Uns war zudem der Aspekt der Nachhaltigkeit unheimlich wichtig. Wir wollten keine Aluschachteln in die Umwelt bringen und haben es so gelöst, dass wir jeden Tag frische Pasta machen. Diese kommt ungekocht in eine Papiertüte. Dazu haben wir jeden Tag zwei unterschiedliche Soßen. Einmal mit Fleisch und einmal Vegetarisch. Die füllen wir in Gläser ab und haben Pfand drauf. Das wird sehr gut angenommen. Ich schätze mal, weil viele jetzt drei Wochen daheim sind und drei Wochen Hausmannskost hatten und es deswegen schön ist, einfach mal was anderes zu essen. Und wenn die Menschen das Essen an unserer Abholstation abholen, werden dann zusätzlich meist 1-2 Kisten Wein mit eingeladen.“

Das Team bleibt weiterhin optimistisch. Foto: Sardovino

Trotz der aktuellen Krise und der Ungewissheit versuchen Carolin Corongiu und das Sardovino-Team zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. „Wir versuchen an die ganze Sache positiv und kreativ heranzugehen und es eher als Flucht nach vorne zu sehen und nicht als Resignation ich kann eh nichts tun“, macht Corongiu ihren Standpunkt klar.

Von Nina Barth

Nina Barth ist in den Endzügen ihres Journalismusstudiums an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie ist seit Beginn der Gründung von Corona-News-Deutschland mit dabei und arbeitet als Redakteurin und Social-Media-Managerin. Neben ihrer Tätigkeit im Bereich Journalismus, ist sie auch als Schriftstellerin und Autorin unterwegs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.