Mission Online

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über die Freuden und Leiden der Online-Lehre.

Wie lebt und lernt es sich eigentlich wirklich als Student zu Zeiten der Corona-Krise? Klischees und Spekulationen über das Heim-Studium gibt es zur Zeit, wie Sand am Meer. Dabei geht es allerdings oft um die Vor- und Nachteile technischer Tools, wie beispielsweise Zoom. Wie sich die Studenten fühlen, was ihnen durch den Kopf geht und wie sich ihr Alltag verändert, das erzählt niemand. Unsere Autorin Laura hat deshalb eine Woche lang ihre Eindrücke und Erlebnisse gesammelt und in Form von sieben Tagebucheinträgen einen sehr privaten Einblick in ihren Alltag ermöglicht.

Montag – Das Chaos der Nachrichten und Tools

Erstaunlicherweise beginnt mein Montag mit einer sehr positiven Erkenntnis. Als ich mich aus dem Bett quäle, wird mir nämlich bewusst, dass ich die Bahn zur Uni, egal wie sehr ich auch herumtrödele, nicht verpassen kann. Die Uni befindet jetzt schließlich direkt im Zimmer nebenan. Anstatt wie sonst hektisch zur Haltestelle zu sprinten, trotte ich im Schlafanzug in die Küche und koche mir einen Tee. Als er fertig ist, begebe ich mich in den Hörsaal – äh mein Wohnzimmer. Dort klappe ich meinen Laptop auf und schalte mein Handy ein. Sofort löst sich der, bis eben noch entspannte Flair des Morgens, in Luft auf.
Mein Laptop verkündet mir, dass sich sieben neue E-Mails in meinem Postfach befinden. Auf meinem Handy poppen 14 neue Nachrichten aus Gruppenchats und vier weitere aus Privatkonversationen auf. Es gibt drei neue Anmerkungen auf Slack, eine auf Meistertask und eine weitere über Skype. Ich seufze.
Einerseits finde ich es wirklich spannend verschiedene neue Tools und Apps kennen zu lernen. Manche sind tatsächlich praktischer, als gedacht. Andererseits ist es schlichtweg chaotisch über fünf oder sechs unterschiedliche Plattformen oder Apps zu kommunizieren. Man muss extrem aufpassen, dass man den Überblick behält und keine wichtigen Informationen übersieht. Bei all den virtuellen Gruppen, in denen ich seit Neustem bin, ist es mir schon ein paar Mal passiert, dass ich meine Nachricht an die völlig falschen Personen geschickt habe.
Ich atme tief durch und beginne das Wirrwarr aus neuen Aufgaben und Informationen zu ordnen. Nach einer dreiviertel Stunde bin ich fertig. Mir fällt auf, wie ironisch das ist. In der Zeit, hätte ich es mit der Bahn auch in die Uni geschafft.

Von links nach rechts: WhatsApp, Slack, freenet, Uninow, ein entgangener Anruf und ein Punkt, der alle weiteren Anmerkungen repräsentiert, Screenshot: Laura Prüfer

Dienstag – Die Katze meines Dozenten

Ich sitze seit fünf Minuten vor meinem Laptop und warte darauf, dass mein Dozent die Zoom-Konferenz beitritt. Während ich warte, starre ich auf die kleinen grauen Felder mit den weißen Namen der anderen Teilnehmer. „Was die wohl gerade machen?“, denke ich. Vor ein paar Tagen hat eine Kommilitonin von mir während der Konferenz gebügelt, ein anderer hat noch schnell das Mittagessen in sich rein geschaufelt und irgendjemand erzählte mir später, er habe nebenbei noch fix geduscht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich niemand mehr richtig auf die Vorlesungen konzentriert. Es ist zu einfach, sich ablenken zu lassen und die Verlockung nebenbei noch schnell etwas anderes zu erledigen, ist zu groß. Im Hörsaal gibt es höchstens das Handy, das Aufmerksamkeit will, oder ein Zuspätkommer der die Blicke auf sich zieht. Zuhause erscheint einem plötzlich alles interessanter als die Vorlesung. Sogar der Abwasch.

Meine Gedanken werden durch das helle Geräusch unterbrochen, das den Beitritt meines Dozenten ankündigt. „Tut mir leid.“, sagt er, „Ich habe verschlafen.“ Er gähnt noch einmal kurz und beginnt dann, mit zehn Minuten Verspätung, die Vorlesung. Eine Viertelstunde lang schaffe ich es ihm aufmerksam zu zuhören, danach zieht etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich. Hinter meinem Dozent springt plötzlich eine Katze auf ihren Kratzbaum. „Oh! Ja. Das ist meine Katze.“, erklärt er überflüssiger Weise. Ich starre das Tier an, während er weiter referiert. Die Katze springt auf eine Kommode. Mein Dozent erklärt etwas über Mark-In und Mark-Out Points. Ich bemühe mich ihm zu folgen, aber ich habe keine Ahnung mehr, wovon er redet. Dafür könnte ich jeden Schritt wiederholen, den die Katze in den letzten Minuten gemacht hat. Da habe ich also gestern extra gebügelt, heute Morgen den Abwasch gemacht und mein Handy im Nebenzimmer gelassen um mich wirklich auf die Vorlesung zu konzentrieren und dann macht mir diese Katze einen Strich durch die Rechnung. Ich seufze. Es ist ein ewiger Kampf. 

Der fertige Abwasch, Foto: Laura Prüfer
Die Ablenkung schlechthin, Foto: pixabay

Mittwoch – Das Tanzvideo

Ich sitze vor meinem Laptop und sortiere einen neuen Schwall E-Mails. Die Meisten enthalten allgemeine Informationen über das Semester oder die Zugangsdaten der nächsten Zoom-Meetings. Es gibt jedoch eine Mail, die anders ist als die Anderen. Sie stammt von meinem Dozenten für audiovisuelle Montage. In der Mail teilt er uns mit, dass wir zu Beginn des Seminars unser Rhythmusgefühl testen sollten.
„Aha“, denke ich, „Wozu das denn?“. Die Mail enthält außerdem den Link zu einem Musikstück und die Anweisung ein Video zu drehen. Das Musikstück ist sechs Minuten lang. Ein bisschen perplex, lese ich die Mail noch einmal. Wir sollen also ein sechsminütiges Tanzvideo von uns drehen? Ernsthaft? Hat unser Dozent vor Langeweile bereits alle Katzenvideos im Internet gesehen und will sich jetzt über peinliche Bewegungsvideos von uns amüsieren? Ist das einfach nur ein Vorwand, um uns zu beschäftigen? Oder will er uns nur etwas Bewegung zwangsverordnen, weil wir sonst den ganzen Tag vor unseren Laptops sitzen? Unschlüssig, frage ich meine Kommilitonen nach ihrer Meinung. Ein Drittel von ihnen hat die Mail nicht einmal erhalten, der Rest ist genauso perplex, wie ich. „Kann es sein, dass unser Dozent nur ganz bestimmte Leute tanzen sehen will?“, fragt jemand lachend. Daraufhin muss auch ich grinsen, verfluche aber im gleichen Zuge die unzuverlässige und chaotische Onlinekommunikation und die seltsame Aufgabe. Ich kann nicht tanzen. Ich werde die Aufgabe einfach nicht machen.

Am Ende des Tages mache ich sie doch. Nach drei Versuchen und wildem auf und ab hüpfen im Zimmer, sind die Untermieter wahrscheinlich sehr genervt und ich bin ziemlich k.o. Die Bewegung hat tatsächlich gut getan. Auch wenn das nichts an der Peinlichkeit des Videos ändert.

Kurzer Blick auf mein wildes Gehüpfe, GIF: Laura Prüfer

Donnerstag – Bye Bye Internet

Die ganze Woche über habe ich Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Konferenzen aussteigen sehen, weil ihre Internetverbindung einfach nicht mehr so wollte, wie sie. Ich selbst habe mich dabei immer in Sicherheit gewähnt. Mein WLAN schien immer ziemlich stabil zu sein. Aber irgendwann ist wohl jeder mal an der Reihe. Und so verabschiedet sich mein Internet heute, kurz nach Beginn meines Seminars auf Zoom. Ich runzele die Stirn und versuche dem Problem auf den Grund zu gehen. Der Router ist an, ich sitze quasi direkt daneben und alle Lämpchen, die sonst leuchten, leuchten jetzt auch. „Komisch“, denke ich. Ich fahre den Laptop herunter und wieder hoch, schalte das Internet manuell aus und wieder ein, aber egal was ich versuche, mir blinken immer nur die Worte „Kein Internet“ entgegen. Fast ist es, als würden sie mich auslachen. Ich starre böse zurück und muss mich zusammenreißen, den Laptop nicht zu beschimpfen. Dabei kann er wahrscheinlich gar nicht viel dafür. Ich fühle mich hilflos, weil ich nichts dagegen tun kann, dass ich Teile meiner Vorlesung verpasse.
Während der Präsenzlehre, konnte man höchstens auf seinem Stuhl einschlafen und dann war man ja selbst schuld. Dass ich jetzt auf eine Komponente (das Internet) angewiesen bin, die ich nicht beeinflussen kann, stört mich massiv. Resigniert klappe ich den Laptop zu und lasse ihn einige Minuten stehen. Vielleicht kriegt er sich dann wieder ein. Und tatsächlich, nachdem ich mir einen Tee gekocht und den Briefkasten geleert habe, leuchtet mir endlich wieder das Wort „Verbunden“ entgegen. Mein Internet ist zurück! Bis jetzt habe ich keine Ahnung, was eigentlich das Problem gewesen ist. Ich logge mich also wieder in die Zoom-Konferenz ein und komme gerade noch rechtzeitig, um die Verabschiedung meines Dozenten mitzuerleben. Ich atme tief durch und schüttle den Kopf. Früher hat man noch selbst geschwänzt, heute schwänzt die Technik für einen.

Vorher, Foto: Laura Prüfer
Nachher, Foto: Laura Prüfer

Freitag – Play, Stop and Repeat

Ursprünglich fand ich den Freitag immer toll, weil er einem so hoffnungsvoll das Wochenende ankündigte. Heute mag ich ihn noch aus einem ganz anderen Grund. Freitags habe ich nämlich keine Live-Veranstaltungen. Ich nutze die Zeit immer, um mir aufgezeichnete Vorlesungen anzuschauen. Der Vorteil daran ist, dass ich nicht wieder auf Grund von Internetproblemen, die Hälfe verpassen kann. Ich starte also das erste Video und sehe mir die Folien an, während die Stimme meiner Dozentin, das Geschriebene erklärt. Es geht um das Management von Ungewissheiten. „Wie passend“, denke ich, „Mein Leben ist gerade voll davon!“ Ich versuche ihr aufmerksam zuzuhören. Es fällt mir allerdings schwer mich 45 Minuten lang nur auf ihre Stimme zu konzentrieren, ohne sie dabei zu sehen. Auch meine Dozentin scheint nicht überzeugt von der Art und Weise dieser Vorlesung. Zwischendurch kommentiert sie ihre Erklärungen immer mit Aussagen, wie „Wenn Sie jetzt hier wären, könnten sie sehen wie ich wild gestikuliere!“ oder „Wären wir jetzt an der Hochschule, würden wir das nochmal bunt und anschaulich auf einem Whiteboard zusammenfassen.“ Aber das geht ja leider nicht.
Was allerdings ganz toll geht ist, die Erklärungen der Dozentin anzuhalten oder zurückzuspulen. Ich finde das klasse! Während der Präsenzlehre musste ich mich manchmal ganz schön anstrengen, um alles mitschreiben zu können und ja nichts zu verpassen. Jetzt klicke ich einfach auf Pause, notiere alles ganz in Ruhe, und wenn ich etwas nicht ganz verstanden habe, höre ich es mir einfach nochmal an. Grinsend stelle ich mir vor, wie es wäre, Dozentinnen und Dozenten im Hörsaal einfach kurz per Fernbedienung anzuhalten. Solange bis man fertig geschrieben hat.
Wobei es wahrscheinlich auch chaotisch werden würde, wenn das jeder macht. Die armen Dozenten. Ich widme mich wieder meinem Vorlesungsvideo. Hat eben alles Vor- und Nachteile.

Samstag – Aus Fleisch und Blut

Es ist Samstag. Wochenende. Das bedeutet: Keine Zoom-Meetings. Keine Videovorlesungen. Und im besten Fall, keine Überflutung mit E-Mails. Ich nutze den freien Tag, um Zeit mit meinem Freund zu verbringen. Es tut mir gut, wieder einen Menschen aus Fleisch und Blut um mich herum zu haben, anstatt kleiner bewegter Bildchen von meinen Kommilitonen und Dozenten. Ich gewöhne mich zwar langsam an das Konzept der Online-Lehre, womit ich mich aber einfach nicht abfinden kann, ist die fehlende Präsenz der Menschen. Das Videobild von einer Person, ist eben nicht das Gleiche, wie die Person selbst. Ganz schrecklich ist es aber, wenn die Kameras auch noch aus sind. Ich vermisse dann immer die Reaktionen meiner Mitmenschen auf das Gesagte. Lacht noch jemand über die zweideutige Aussage meiner Dozentin? Gähnt noch jemand, weil er verschlafen vor seinem Laptop sitzt? Runzelt noch jemand über die verwirrenden Erklärungen die Stirn? Erfahren werde ich das wohl nie. Ich lache, gähne und runzele die Stirn also alleine. Dabei fühle ich mich vor meinem Laptop ziemlich einsam. Und das, obwohl uns das große weite Internet, doch eigentlich verbinden und zusammenbringen sollte. Was hier jedoch fehlt ist die Zwischenmenschlichkeit. Wie gern würde ich mal wieder einen Kommilitonen in die Seite knuffen, mich auf dem Weg zur Mensa bei jemandem einhaken, oder für einen guten Vortrag applaudieren. Da das in absehbarer Zeit aber eher unwahrscheinlich ist, bin ich froh, heute wenigstens meinen Freund um mich zu haben. Dankbar sitze ich am Küchentisch und sehe ihm dabei zu, wie er über die schlechten Witze meines Papas lacht und die Stirn runzelt als meine Geschwister aus dem Nichts anfangen sich zu streiten. Ich freue mich sogar über das herzhafte Gähnen, mit dem er auf dem Sofa einschläft. Es gibt eben nichts auf der Welt, was den Kontakt mit realen Menschen ersetzen könnte.

Nichts ersetzt den Kontakt mit realen Menschen, Foto: Paula Fritzsche

Sonntag – Spaziergang zum Hill statt Neflix and Chill

Bisher gab es für mich immer drei Dinge, die einen perfekten Sonntag ausgemacht haben. Erstens: Ausschlafen. Zweitens: Ein langes entspanntes Frühstück. Drittens: Endloses Filme- und Serienschauen. Erstens und zweitens werden ganz sicher in 20 Jahren noch zutreffen. Mit Drittens stehe ich allerdings seit Neustem auf Kriegsfuß. Netflix and Chill gibt es nicht mehr. Seit ich so gut wie den ganzen Tag vor meinem Laptop sitze, ist es für mich einfach keine Entspannung mehr, meine Freizeit auch noch vor dem Bildschirm zu verbringen. Stattdessen habe ich mir aus dem Bücheregal meines Freundes ein paar Werke gemopst und lese jetzt wieder viel. Er hat außerdem ein altes Schachspiel hervor gekramt und jetzt spielen wir manchmal den ganzen Nachmittag. Vor allem aber, gehe ich sonntags jetzt sehr viel spazieren. Über die Weinberge und an den Elbwiesen entlang, durch den Park und zum nächstgelegenen Badesee. Die frische Luft und die Sonne beleben nicht nur den Geist, sondern auch die Seele.

Sonntagsspaziergang im Park, Foto: Laura Prüfer

Ich merke deutlich, wie sehr mir unter der Woche die Bewegung fehlt. Oft sitze ich vor dem Laptop und starre in mein bleiches, schlecht belichtetes Videobild auf Zoom. Genauso, wie ich da aussehe, fühle ich mich auch immer.
Gut, dass ich momentan nicht zur Bahn sprinten muss, bei meiner aktuellen Kondition, würde ich sie jedes Mal verpassen. Apropos Bahn. Ich muss daran denken, wie verzichtbar mir der Fahrtweg zwischen Uni und Wohnung am Anfang noch erschien. Heute wird mir allerdings klar, wie sehr ich ihn vermisse. Einerseits bot er stets eine alltägliche Form der Bewegung. Ohne groß nachzudenken, legte ich laufend oder rennend durchaus einiges an Schritten zurück. Gleichzeitig war ich gezwungen für die Länge der Fahrt einfach mal Pause zu machen und den Kopf frei zu kriegen. Jetzt muss ich mich oft selbst dazu zwingen. Und ich bin leider nicht besonders gut darin. Mein Freund glücklicherweise schon. Jetzt zum Beispiel steht er vor mir, wedelt mit dem Schachbrett und sagt: „Es ist Sonntag! Klapp den Rechner zu und lass uns spielen.“ Ich muss lächeln. „Bin gerade fertig geworden.“, sage ich und drücke auf speichern. Der Mission Online stelle ich mich erst morgen wieder.

Schachmatt, Foto: Laura Prüfer

Von Laura Prüfer

Laura Prüfer ist Journalismus Studentin der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie hat sich gemeinsam mit den anderen Autoren dieser Website eine seriöse, gründliche und lebensnahe Berichterstattung zur aktuellen Corona-Lage in Deutschland auf die Fahnen geschrieben. Abgesehen von diesem Projekt hängt ihr Herz sehr an Kulturveranstaltungen, insbesondere dem Theater, sowie dem Reisen mit all seinen neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.

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