Medellin und die Sehnsucht nach Brezeln

Artikelreihe: Geblieben und gegangen.

Rahel in der Landeshauptstadt Bogotá. (Foto: Rahel B.)

Trotz Rückholaktionen im Land geblieben. Die Studentin Rahel B. wohnt auch zu Corona-Zeiten noch in Kolumbien.

Spanien und Italien hat die Corona-Pandemie bereits schwer getroffen, aber noch erschreckendere Bilder kommen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Südamerika. 

Kolumbien ist ein wunderschönes Land mit atemberaubender Natur und normalerweise voll mit Backpackern. Jetzt, wo das Land allerdings mit den Auswirkungen des Corona-Virus zu kämpfen hat, stehen statt Natur und Tourismus eher Solidarität und Durchhaltevermögen im Vordergrund.

Rahel B., 23 Jahre, lebt derzeit genau dort. Eigentlich sollte sie nur bis April in Kolumbien bleiben, doch das Virus hat die Pläne der Studentin umgeworfen. „Ich bin gerade in Kolumbien, weil ich hier ein Auslandspraktikum im Rahmen meines Masterstudiengangs „Internationale soziale Arbeit“ absolviert habe. Mein Aufenthalt war ursprünglich bis zum 25. April 2020 geplant. Durch Corona hat sich dieser Aufenthalt deutlich verlängert.“, erklärt sie ihre Situation. „Das Auslandspraktikum war Pflicht und ich war in einer NGO, die Projektmanagement betreibt und dadurch zu den Peacebuilding Prozessen in der Stadt beiträgt.“, so Rahel weiter. 

Mit einer Rückholaktion zurück in die Heimat?

In Südamerika kam das Virus später an, als in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatte die deutsche Bundesregierung schon angefangen seine Bürger zurück ins Land zu holen. Auch Rahel wollte spontan zurück nach Europa: „Ich habe durchaus überlegt nach Deutschland zurückzukommen, sogar so weit, dass ich einen neuen Flug gebucht habe. Von heute auf morgen quasi. Der wurde aber gecancelt. Dann gab es auch das Angebot von der Bundesregierung an einer Rückholaktion teilzunehmen.“, erzählt die Studentin. Rahel hätte also inzwischen bereits wieder zu Hause sein können.

Nach mehreren gecancelten Flügen und vor dem Angebot aus Deutschland hat sich die Lage für sie aber schon positiv verändert: „In der Wohnsituation hat sich für mich nochmal was Neues ergeben, sodass ich in einer Finka bei einer kolumbianischen Familie in Santa Elena unterkommen konnte. Mir geht es mit der Entscheidung hier geblieben zu sein sehr gut. Ich habe das keinen Moment bereut, was auch daran liegt, dass ich mir hier in einer ziemlich guten Lage befinde“, erläutert Rahel entspannt und führt fort, „Hier ist es sehr ländlich, es gibt viel Natur, viele Tiere und ich bin total in das Familienleben integriert. Außerdem kann ich von hier aus ehrenamtlich für meine Organisation weiterarbeiten. Dadurch, dass mein Master auch nur online weiter geht, kann ich den von hier aus hoffentlich auch problemlos abschließen.“ 

Auf engstem Raum zusammenleben

Wie in vielen Ländern auf der Welt wurde auch in dem südamerikanischen Land eine Ausgangssperre verhängt, die seit dem 26. März andauert. Die deutsche Studentin beschreibt inwiefern sich der Alltag in Kolumbien verändert hat: „Auf einmal wieder in einer Familie zu leben ist für mich eine große Umstellung, weil ich immer sehr selbstständig war. Man darf nur an bestimmten Tagen raus, um genau zu sein zwei Mal die Woche. Es ist einfach ungewohnt, aber ich kann mich hier nicht beklagen. Da geht es glaube ich vielen Familien, die in der Stadt leben, wo es auch noch mal viel wärmer ist und man den ganzen Tag in der Wohnung auf engen Raum hockt, mit vielleicht fünf anderen Familienmitgliedern, wesentlich schlechter. Viele haben ökonomische und finanzielle Sorgen, weil jetzt oftmals Arbeitsstellen gekündigt wurden.“

Communa 13 in Medellin – viele Menschen auf wenig Raum. (Foto: Rahel B.)

Durch die Krise wird aber auch die Gemeinschaft gefördert: „Es gibt Textilfirmen, die jetzt Masken herstellen. Es gibt Firmen, die normalerweise alkoholische Getränke produzieren, die den Alkohol jetzt zum desinfizieren spenden. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Geschichten, wo man Aktionen sieht, in denen die Gesellschaft zusammenhält.“ Neben den positiven und ermunternden Erzählungen gibt es aber auch negative Entwicklungen durch die Pandemie von denen Rahel berichtet: „Teilweise entsteht eine Angst vor Ärzten, eine Angst vor Ansteckung, wenn ein Arzt mit im Haus wohnt. Das ist dann natürlich problematisch. Auch gibt es durch Corona, wie wahrscheinlich überall auf der Welt, ein höheres Risiko von häuslicher Gewalt.“

„Deutsches Brot fehlt mir so sehr.“

Rahel erzählt zum Schluss, wonach sie sich in dieser Zeit am meisten sehnt: „Ich vermisse gerade sehr meine Familie und Freunde, auch wenn ich mit meiner Entscheidung hier geblieben zu sein, sehr zufrieden bin. Ich vermisse soziale Aktivitäten, mal wieder rausgehen ohne Maske, essen gehen in einem Restaurant, Tanzen oder zum Sport gehen. Ich vermisse es, dass das Haus nicht gleichzeitig der Wohnort, der Arbeitsplatz und die Uni ist und man alles an einem Ort machen muss. Und deutsches Brot fehlt mir so sehr, ich glaube, dass fehlt mir mit am meisten. Brezeln. Ich hätte richtig Lust auf Brezeln.“

Von Rieke Smit

Rieke Smit studiert internationalen Journalismus in Magdeburg, moderiert das wissenschaftliche Talkformat "Science Talk" und ist seit der Gründung bei Corona-Stories dabei. Ansonsten ist sie für Praktika und Recherche auf der ganzen Welt unterwegs.

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