„Scheiße, womit schmeiß ich jetzt?“

Mission Online (2): Autorin Laura Prüfer berichtet jeden Freitag über die Freuden und Leiden der Online-Lehre.

Während meiner letzten Zoom-Konferenz habe ich so sehr gelacht, wie schon lange nicht mehr. Mein Dozent referierte gerade über den Unterschied zwischen horizontaler und vertikaler Montage, als er mitten im Satz inne hielt und grimmig auf einen Punkt außerhalb der Kamera starrte. Nach einem kurzen Moment der Stille sagte er: „Da sitzt eine Taube auf meinem Fenster. Ich hasse Tauben!“ Er blickte sich suchend um, wühlte auf dem Tisch, stand auf und rief: „Scheiße, womit schmeiß ich denn jetzt?“ Schließlich griff er nach einer CD und warf sie in Richtung Taube. Es schepperte. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Scheinbar hatte er getroffen. Über die Gesichter meiner Kommilitonen huschten derweil ganz unterschiedliche Reaktionen. Überraschung, Schreck, Verwunderung, Ungläubigkeit. Ich persönlich fand es einfach wahnsinnig witzig.

Anscheinend nicht jedermanns Sache: Tauben auf dem Fensterbrett. Foto: pixabay

Nach diesem Vorfall ist mir dann aufgefallen, wie viel ich in den letzten Wochen eigentlich über meine Dozenten gelernt habe. Ein kleiner Einblick in das Wohn- und Arbeitszimmer, die Qualität des Internets oder die Anzahl der Haustiere verraten einem unweigerlich ganz neue Details über die Menschen. Plötzlich ist man Teil von ganz persönlichen Momenten und erlebt, wie Dozenten sich in ihrem privaten Umfeld verhalten. Während die physische Distanz also weiterhin enorm ist, habe ich das Gefühl, dass die zwischenmenschliche Distanz immer weiter sinkt. Das hat dazu geführt, dass ich meine Dozenten inzwischen nicht mehr nur als klassische Lehrer und Professoren sehe, sondern als das, was sie darüber hinaus noch sind. Sie sind Mütter von kleinen Töchtern, Katzenliebhaber, humorvolle Lebensgefährten oder eben Taubenhasser. Sie verschlafen genauso, wie wir Studierende und sie brauchen, genau wie wir einen Kaffee zum munter werden.

Wir Studierende schimpfen gern und oft über unsere Dozenten, aber Situationen wie diese zeigen meiner Meinung nach sehr schön, dass wir eben alle nur Menschen sind. Menschen, die sich durch die Freuden und Leiden des Alltags boxen.

Von Laura Prüfer

Laura Prüfer ist Journalismus Studentin der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie hat sich gemeinsam mit den anderen Autoren dieser Website eine seriöse, gründliche und lebensnahe Berichterstattung zur aktuellen Corona-Lage in Deutschland auf die Fahnen geschrieben. Abgesehen von diesem Projekt hängt ihr Herz sehr an Kulturveranstaltungen, insbesondere dem Theater, sowie dem Reisen mit all seinen neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.

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